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Kirchenmusik in Lübeck

von 1933 bis 1945

Die Geschichtsschreibung wäh-

rend der ersten Jahrzehnte nach

1945 stellte manche Lübecker Pas-

toren und Kirchenmusiker allzu

einseitig als Gegner des NS-Regim­

es, als Widerstandskämpfer oder

als Opfer dar. Es steht außer Frage,

dass unabhängiges Agieren, zumal

in einem öffentlich wahrgenom-

menen Kirchenamt, damals kaum

möglich war. Wie weit musste sich

der Einzelne imDienst der Sache

tatsächlich verbiegen? Die Gewis-

senskonflikte lassen sich heute nur

erahnen.

Die Hoffnungen und Erwartungen,

die sich mit demNationalsozialis-

mus verbanden, spiegeln sich

schon im Zeitgeist der 1920er-Jah-

re wider. Mit zunehmender wirt-

schaftlicher Bedrängnis stieg die

Zahl der Kirchenaustritte drama-

tisch an. Politische Verunsiche-

rung und Hoffnungslosigkeit

machten auch Kirche und Kir-

chenmusik verführbar. Liberalis-

mus, Individualismus und schließ-

lich die parlamentarische Demo-

kratie der Weimarer Republik

selbst galten als Verursacher der

allgemeinen Orientierungslosig-

keit und wurden so zu gemeinsa-

men Feindbildern.

VonMitte der 1920er-Jahre an

entwickelte sich Lübeck zu einem

wichtigen Ort der Orgelreformbe-

wegung und damit ein zweites Mal

zu einem Zentrum evangelischer

Kirchenmusik in Deutschland. In

der Ablehnung »romantischen

Bombastes« sowohl imOrgelbau

als auch in der Chorkultur kamen

die Jugend-, Musik- und Kirchen-

musikbewegungen in ihrer Suche

nach Einfachheit, Klarheit und

Reinheit den völkischen Idealen

des Nationalsozialismus mitunter

gefährlich nah. So macht beispiels-

weise

Walter Kraft

1931 ein ge-

wandeltes Rezeptionsverhalten

aus. Nicht »bloße Entspannung

und versunkenes Träumen« suche

der Hörer, sondern «Stärkung,

Klarheit, waches Gegenwartsbe-

wußtsein als Wappnung gegen

neue Kämpfe«. Hier wird roman­

tische Musik, als subjektivistisch

und verweichlichend empfunden,

in den Gegensatz zur neuen Klar-

heit gesetzt, die den Idealen der

Orgelbewegung entspricht. Kraft

fährt fort: »Sammlung gemein-

schaftsbildender Kräfte tritt an

Stelle individueller Zerspaltung.«

Ebenso verhält es sich mit Aussa-

gen

Hugo Distlers,

der in der

»Vorherrschaft des Sololiedes« ei-

ne »symptomatische Erscheinung«

sieht, die »die Ablösung des Indivi-

duums aus der volklichen Gemein-

schaft (…) gleichnishaft widerspie-

gelt«. Entsprechend ist für Distler

das evangelische Kirchenlied ein

»Sprachrohr all dessen, was die

›Gemeinde‹, oder weiter gefasst,

die ›völkische Gemeinschaft‹ mit

einemWort: das Volk mächtig be-

wegt«. Distler fordert aber auch

»Rassenpflege und gesunde Euge-

nik, politische Schulung der Ju-

gend aus demGeiste der großen

Vergangenheit unseres Volkes,

Ausmerzen alles volksfremden

und volksfeindlichen Schrifttums,

dagegen Vorkehrungen zur Erhal-

tung undWiederbelebung alter Ri-

ten, Sitten und Gebräuche«.

Wenn weite Teile der evangeli-

schen Kirche imNationalsozialis-

mus den Halt fanden, der ihnen

durch die weltanschauliche Neu­

tralität der Weimarer Republik

KIRCHENMUSIK IN LÜBECK VON 1933 BIS 1945

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Autorin: Svea Regine Feldhoff