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weggebrochen war, so verwundert

es nicht, dass auch in der Kirchen-

musik ideelle Unterstützung ge-

sucht werden konnte.

Mit demBeginn der nationalsozia-

listischen Regierungszeit in Lü-

beck befanden sich Orgel- und

Liturgiebewegung auf einemHö-

hepunkt. Aber auch die Singbewe-

gung war stark ausgeprägt. Das

schlanke, bewegliche Chorklang­

ideal versuchte Walter Kraft an St.

Marien vor allemmit Knabenstim-

men zu erreichen. In seinen Kom-

positionen schwebte ihm ein spezi-

fischer »Lübecker Stil« vor, er

führte die von seinen barocken

Vorgängern eingeführten Lübe-

cker Abendmusiken wieder ein,

musizierte von allen Emporen und

gründete ein Kirchenorchester

nach altemMuster.

An St. Jakobi bestimmte die glück-

liche Zusammenarbeit des Kantors

Bruno Grusnick

mit Hugo Distler

das Profil. Distler war fraglos der

führende Chorliederkomponist

seiner Zeit. Grusnick leitete neben

demKirchenchor den Lübecker

Sing- und Spielkreis, man führte

vor allem frühbarocke Werke und

neue Kompositionen von Distler

auf. Im neu gegründeten Staats-

konservatorium übernahmHugo

Distler die künstlerische Leitung

der Kirchenmusikabteilung.

In ihren Entscheidungen waren

die Lübecker Kirchenmusiker

nicht frei, ganz imGegenteil – es

gab keinen Instrumentenkauf, kei-

ne Aufführung ohne ausdrückliche

Erlaubnis, ja selbst die Kooperati-

on von Proben oblag nach dem

Führerprinzip dem städtischen

Musikbeauftragten. Chorknaben

und -mädchen kamen bei Proben

in Konflikt mit ihrer Anwesen-

heitspflicht bei HJ oder BDMund

waren teilweise heftigen Schika-

nen ausgesetzt. Hinzu kamen auf

kirchlicher Seite die Kämpfe zwi-

schen den Deutschen Christen und

den Anhängern der Bekennenden

Kirche.

Jan Bender,

Orgel- und Komposi-

tionsschüler Distlers amKonser-

vatorium, geriet 1937 an der Lübe-

cker Kirche St. Gertrud zwischen

die Fronten des Kirchenkampfes.

Nach Benders Weigerung, unter ei-

nem Pastor der Deutschen Chris-

ten sein Organistenamt zu verse-

hen, wurde er von der Gestapo in

Schutzhaft genommen und unter

demVorwurf der Orgelsabotage in

das KZ Sachsenhausen gebracht.

Nach Kriegsbeginn musste sich

vieles ändern, die Chöre schrumpf-

ten. Die traumatische Bomben-

nacht an Palmarum 1942 schließ-

lich war ein Schock für die Stadt,

die sich jahrhundertelang auch

über ihre Kirchen und Orgeln defi-

niert hatte. Dennoch hörte die kir-

chenmusikalische Arbeit nie ganz

auf, Organisten und Gemeinden

verteilten sich auf nicht zerstörten

Kirchen, man rückte zusammen, es

gab sogar noch einige größere Auf-

führungen, bis gegen Ende des

Krieges alle Aufführungen verbo-

ten wurden.

Nach Kriegsende begann ein Ver-

drängungsprozess, dessenMotiva-

tion in Scham und Entlastung von

Schuld liegen mag. Jahrelang

klammerten Darstellungen in den

Lübecker Zeitschriften und Jahr-

büchern das Dritte Reich aus oder

lieferten einseitige Verklärungen

vonMusikerpersönlichkeiten, von

denen mancher sogar zumWider-

standskämpfer avancierte.

Jan Bender 1937

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