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Über Kontinuität

Caspar Ruetz,

Lübecker Kantor im

18. Jahrhundert, aus:

Widerlegte Vorurtheile

von der Wirkung der

Kirchenmusic, und von

den darzu erforderten

Unkosten nebst einer

Vorrede von der Musica-

lischen Liebhaberey.

Rostock und Wismar:

Berger und Boedner

1753, S. 112

»Ich habe einen großen Vorrat an Kirchenstücken von

meinem seligen Schwiegervater Sivers und Schwie-

gergroßvater Pagendarm ererbt. Von des letzteren

hinterlassenen Stücken habe ich kein einziges, von des

ersteren Sachen nur wenige gebrauchen können. Alles

was diese Männer mit saurer Mühe und Arbeit zusam-

mengeschrieben oder mit vielen Kosten gesammelt und

abschreiben lassen, hat nicht den geringstenWert mehr.

Es ist diese Menge musikalischer Papiere von vielen

Jahren her beinahe auf die Hälfte geschmolzen, indem

denn gar vieles demOfen zu teil und statt der Späne

gebraucht wurde, vieles zum häuslichen Gebrauch

angewandt und vieles an solche Leute, die zu ihren

Geschäften allerlei Makulatur und Papiere gebrauchen

dahingegeben worden.

Nur die Partituren der alten Stücke habe ich beizube-

halten gesucht, um des Altertums willen und den Ge-

schmack und die Beschaffenheit der damaligen Musik

daraus zu sehen.«

Gesellschaften werden von zentra-

lenMythen zusammengehalten

und gelenkt. Der Begriff der Au-

thentizität, die Idee des Fortschrit-

tes oder auch die der Kontinuität

sind machtvolle Erzählungen. Der

Einfluss dieser Denkfiguren ist uns

jedoch kaum jemals voll bewusst.

Sie wirken unter der Oberfläche

unserer Kultur. Wer das Denken

und Handeln von Gesellschaften

verstehen will, muss genauer

hinschauen.

Was bedeutet es also, die Kontinui-

tät der Kirchenmusik in Lübeck

sichern zu wollen? Was bedeutet

es, wenn ein Lübecker Kantor im

18. Jahrhundert eine Auswahl trifft

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ESSAY ÜBER DEN BEGRIFF DER KONTINUITÄT