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und ein kirchenmusikalisches

Erbe aufteilt in wertvoll und

nichtig?

Die Physik kennt diskrete und

kontinuierliche Phänomene oder

Prozesse. Diese sind im einen Fall

unterscheidbar bzw. abzählbar, im

anderen nicht. Kontinuierlich ist

der Fluss der Zeit, dessen Unter-

teilung in diskrete Zustände

(Sekunden, Minuten …) künstlich

und willkürlich ist. Kontinuierlich

ist, was sich nicht teilen lässt und

nicht geteilt wurde.

Ununterbrochene Verbindungen

spielen für uns in nahezu allen

Bereichen eine wichtige Rolle. Die

Familie wurde lange durch die

Abstammung definiert, durch die

Rückverfolgbarkeit der Herkunft

auf einen Urahn. Wurde kein Erbe

geboren, so zerriss das Band des

Blutes, es bedeutete das Ende der

Familie. Sie verschwand und

konnte nicht zurückgebracht

werden. Sie starb, wie ein jedes

Individuum sterben muss.

Der Tod ist das Gegenteil von

Kontinuität. Er beendet alles. Die

Vorstellung des absoluten Endes

ist derart verstörend, dass wir sie

mit aller Macht zu vermeiden

suchen. Die meisten Kulturen

haben eine Vorstellung vom Leben

nach demTode entwickelt. Sie

stellen Kontinuität her, indem sie

den Tod als Übergang und Trans-

formation begreifen. So ändern

sich zwar die äußeren Umstände,

aber man selbst bleibt der Gleiche.

Man geht gewissermaßen durch

eine Tür, die nur nach einer Seite

hin aufgeht (wenn man die Tür

ausnahmsweise in beide Richtun-

gen durchschreiten kann, ist man

auferstanden). Um uns als Indivi-

duen zu schützen, setzen wir auf

das Konzept der Identität. Wir

definieren unsere Person mittels

bestimmter Eigenschaften, die wir

entweder besitzen oder nicht.

Diese Eigenschaften wurden

angeboren oder von uns im Laufe

der Zeit erworben. Ich kann sie

also auf die Familie zurückführen,

ich stehe in ihrer Tradition, die ich

weiterführe. Oder ich erinnere

mich an meine Vergangenheit, um

dergestalt die Entstehung meiner

Identität zu rekonstruieren. Gehe

ich der Fähigkeit zur Rekonstruk-

tion verlustig, z. B. durch eine

Amnesie, verliere ich mich selbst.

Ich bin zwingend auf die Kontinui-

tät des Erlebens angewiesen, um

die Integrität meiner Identität

sicherzustellen. Diskontinuität

bedeutet den Verlust der Identität.

Die Kirche ist die Hüterin der

Kontinuität. Sie steht für »Es geht

immer weiter« . Dabei blickt sie

selbst auf eine ununterbrochene

zweitausendjährige Tradition

zurück. Diese eigene Tradition

bewahren zu wollen, ist nicht nur

recht und billig, sondern auch eine

Frage der Glaubwürdigkeit. Wer

das ewige Leben verspricht, dem

sollte es auch gelingen, seine

eigenen Traditionen lebendig zu

halten. Gerade dann, wenn Tradi-

tionen durch eine immer noch

weiter fortschreitende Säkularisie-

rung einerseits und einen wach-

senden Einfluss des Islam ande-

rerseits bedroht erscheinen.

Die Kontinuität der Kirchenmusik

in Lübeck zu sichern, ist also auch

ein Zeichen. Es bedeutet: Wir

lassen uns unseren Glauben nicht

nehmen.

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