Background Image
Previous Page  8 / 52 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 8 / 52 Next Page
Page Background

Im Innern des Bernsteins

Warum brauchen wir eigentlich

Kirchenmusik in Lübeck? Es gibt

doch gute CDs. Warum brauchen

wir vier Musiker, reichen nicht

zwei? Muss man je in der Sixtini-

schen Kapelle den Kopf in den

Nacken gelegt haben, um sie zu

begreifen? Brauchen wir die Sixti-

nische Kapelle noch? Lassen wir

sie doch verfallen, es gibt Filme

und Abbildungen von ihr in großer

Zahl!

Es ist schon ein paar Jahre her,

dass ich in der Sixtinischen Kapel-

le stand. Und natürlich kannte ich

sie schon, bevor ich sie gesehen

hatte, eigentlich ging es mir nur

darum, diesen Ort als »besucht«

abzuhaken. Aber ich wusste nicht,

wie es dort riecht. Ich wusste nicht,

wie es ist, neben Hunderten von

Menschen zu stehen, die andächtig

eine Decke betrachten. Ich stand

staunend dort, ergriffen und be-

eindruckt. Eine Erfahrung, die für

den aufgeklärtenMenschen des

21. Jahrhunderts selten geworden

ist. Er kennt schon alles, hat schon

alles gesehen, die Reproduzierbar-

keit nicht nur des Kunstwerkes hat

Wissen, Erfahrung und Erkenntnis

zu einemmassenweise gehandel-

ten Gut gemacht. Der Mensch

sehnt sich nach demEchten, nach

der einzigartigen Erfahrung. Unter

vielenWegen, die zu dieser Erfah-

rung führen können, nimmt Kir-

chenmusik eine Sonderstellung

ein. Warum ausgerechnet Kirchen-

musik?

Kirchenmusik ist Musik, die ganz

anders funktioniert als andere

Musik. Zum einen ist sie an den

Kirchenraum gebunden. Nur in

diesemKontext entfaltet sie ihre

ganze Kraft und Größe. Diese Mu-

sik wurde für Räume geschrieben,

in denen sich die Decken erst

30Meter über den Köpfen schlie-

ßen, in denen das Licht durch viele

Meter hohe Kirchenfenster fällt.

Zum anderen soll Kirchenmusik

nicht ablenken, sondern hinfüh-

ren, zu sich selbst, zumGlauben.

Sie fordert Konzentration – von

denen, die sie hören, und von de-

nen, die sie spielen. Man braucht

Übung dazu, Zuhörer und Inter-

preten gleichermaßen. Es reicht

nicht, das Gewesene zu konservie-

ren – sonst würde Kirchenmusik

sich in nichts mehr von einem in

Bernstein eingeschlossenen Insekt

unterscheiden: hübsch anzusehen,

aber eben leblos. Damit Kirchen-

musik lebendig bleibt, muss sie ge-

spielt werden, gelebt werden. Die-

se lebendige Kultur gibt es nicht

umsonst. Musiker müssen bezahlt,

Instrumente gepflegt und erhalten

werden. Die Organisation von

Konzerten kostet Geld. Geld, das

immer spärlicher fließt, die sin-

kenden Einnahmen aus der Kir-

chensteuer spielen hier eine ent-

scheidende Rolle.

»4 Viertel – Stiftung Kirchenmusik

der vier Lübecker Innenstadtkir-

chengemeinden« wurde gegründet,

um die vielfältigen finanziellen

Anforderungen auch in Zukunft

bedienen zu können. Die Stiftung

soll Mittel vonMenschen und Ins-

titutionen einwerben, die den

Wert anspruchsvoller Kirchenmu-

sik zu schätzen wissen und sie als

Teil unserer Kultur würdigen.

8

4 VIERTEL – STIFTUNG KIRCHENMUSIK DER VIER LÜBECKER INNENSTADTKIRCHENGEMEINDEN